Alternde Belegschaft trifft steigende Arbeitslast

Es gibt viel zu tun auf den Flughäfen – auch in Sachen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Das zeigte die von der BG Verkehr organisierte Branchenkonferenz Luftfahrt "Abfertigung 4.0 – Vorfeld im Wandel". Mehr als 100 Teilnehmer diskutierten Technologietrends und andere Einflussfaktoren auf die Gestaltung der Arbeit bei der Abfertigung von Verkehrsflugzeugen.

Klimaschutz hin, Konjunkturschwäche her: Trotz dämpfender Faktoren wachsen die Passagierzahlen an den deutschen Verkehrsflughäfen auch in diesem Jahr. Fast 214 Millionen Passagiere starteten oder landeten in den ersten zehn Monaten dieses Jahres an deutschen Airports. Das sind 2,3 Prozent mehr als im Vorjahrszeitraum. Weltweit gehen Experten in den nächsten 20 Jahren sogar von einer Verdoppelung der Passagierzahlen aus. Dass das Wachstum vor allem in der Bodenabfertigung (Ground Handling) auch große Herausforderungen mit sich bringt, zeigte die Branchenkonferenz Luftfahrt der BG Verkehr, zu der am 19. November mehr als 100 Branchenexperten nach Hamburg kamen.

Die steigende Arbeitslast trifft auf einen Arbeitskräftemangel und auf eine alternde Belegschaft wie Hans Peter Mehlau, Vorsitzender des Präventionsausschusses der BG Verkehr in seiner Begrüßungsrede deutlich machte. "Hier müssen alle Stellschrauben gedreht werden", betonte Mehlau. Darunter fallen beispielsweise betriebliches Gesundheitsmanagement, die Automatisierung schwerer Arbeit und der Einsatz von Unterstützersystemen wie beispielsweise Exoskelette.

Drastische Umbrüche in der Organisation der Abfertigung

Martin Küppers, Leiter der Fachgruppe Luftfahrt der BG Verkehr, sieht nicht nur den Faktor Mensch im Umbruch, sondern auch Technik und Organisation bei der Flugzeugabfertigung. "Ergonomische Arbeitshilfen haben es in den letzten zehn Jahren bis auf die Abfertigungsposition geschafft", sagte Küppers. "Alternative Antriebe, teilautonome Bodengeräte und technische Hilfen scheinen in Sichtweite zu sein". Die größten Umbrüche sieht Küppers jedoch in der Organisation der Abfertigung. Die Arbeitsprozesse der beteiligten Unternehmen seien mittlerweile nahtlos verzahnt und unterliegen einem engen Monitoring durch die Verkehrszentralen der Luftfahrtgesellschaften. Dadurch bekommen Veränderungen in einzelnen Prozessen eine hohe Komplexität, da sie sich regelmäßig auf andere Beteiligte an der Abfertigung auswirken.

Auf ein Kernproblem der Abfertiger wiesen Josef Weber von der FraGround GmbH und Christian Noack von der HAM Ground Handling GmbH hin. Aufgrund der körperlich nach wie vor anstrengenden Arbeit und vergleichsweise niedriger Löhne fällt es an vielen Standorten schwer, genug geeignete Mitarbeiter zu finden. Gleichzeitig altert die Belegschaft. Während in Frankfurt der Schwerpunkt der Belegschaften in der Altersgruppe 18 bis 37 liegt, bezifferte Noack den Altersschnitt in Hamburg mit 49. Relativ hohe Krankenstände sind in der Branche gang und gäbe.

Gegensteuern mit Gesundheits- und Trainingsprogrammen

Die HAM Ground Handling GmbH steuert auf vielen Wegen gegen. Zum Beispiel mit Gesundheits- und Trainingsprogrammen wie dem von der BG Verkehr begleiteten Jobsimulator der Gesundheitsmanagement-Firma LIFEBONUS GmbH, den ein Teil der Konferenzteilnehmer vor Ort besichtigte. Noack setzte sich für eine "verbindliche und anerkannte Weiterbildung für Flugzeugabfertiger" ein. In Hamburg wird intern die von der IHK nicht mehr angebotene Weiterbildung zum Geprüften Flugzeugabfertiger wiederaufleben. "Wir wollen den Kollegen eine Perspektive geben", sagte Noack.

Ein Brennpunkt beim Gesundheitsschutz sind die Laderäume der Passagiermaschinen, wo Mitarbeiter der Abfertigung in gebückter Haltung schwere Gepäckstücke bewegen. Hier gab es aus Reihen der Teilnehmer deutliche Kritik. Von den Flugzeugherstellern angebotene Ladehilfen würden aus Kostengründen nur von einem relativ kleinen Teil der Airlines geordert – zum Nachteil der Abfertiger.

Exoskelette noch nicht praxistauglich für die Abfertigung

Eine wirksame Unterstützung bei schwerer Arbeit können Exoskelette sein, die vorhandene Körperkraft verstärken und gleichzeitig durch Überlastung verursachten Muskel- und Skeletterkrankungen vorbeugen. Prof. Dr. Robert Weidner von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg stellte den aktuellen Stand der Forschung vor und ermöglichte einigen Konferenzteilnehmern, selbst in ein Exoskelett zu schlüpfen. In der Abfertigungspraxis spielen die Unterstützungssysteme noch keine Rolle.

Versuche an den Flughäfen München und Düsseldorf brachten nicht die gewünschten Ergebnisse, wie Anja Grigorian von der Flughafen München GmbH und Frank Michael vom Flughafen Düsseldorf ausführten. Resümee: Bei bestimmten Tätigkeiten und Handgriffen werden die Unterstützersysteme zwar als hilfreich empfunden – bei anderen Arbeiten dagegen als störend. Ständiges An- und Ablegen der Exoskelette je nach Tätigkeit ist jedoch nicht praxistauglich. Der Flughafen München will nun bis zum Jahr 2024 in einem Projekt prüfen, ob Roboter physisch belastende Tätigkeiten bei der Be- und Entladung von losem Gepäck an der Rampe und im Belly übernehmen können.

Teilautonome Bodengeräte auf dem Vormarsch

Noch relativ weit entfernt ist der Einsatz von autonomen Fahrzeugen auf den Airports. Technisch und organisatorisch ist hier noch vieles zu klären. Dennoch warfen die Teilnehmer der Branchenkonferenz einen Blick über den Tellerrand auf ein Vorhaben der Hamburger Hochbahn AG, die ein Pilotprojekt für autonomen Personentransport in der Hamburger Hafen City vorbereitet. Teilautonome Bodengeräte werden an den Flughäfen bereits erfolgreich in der Praxis erprobt. Insbesondere gibt es Fluggasttreppen und Fluggastbrücken, die in einem bestimmten Abstand automatisch die Tür des Flugzeugs erkennen und sich ab diesem Übergabepunkt selbsttätig positionieren.

Diese Entwicklung ist deshalb so interessant, weil an modernen Flugzeugen Strukturteile aus Carbon verbaut sind. Die Struktur ist daher sehr empfindlich, und man erkennt eine Schädigung nicht. Daher geben Fluggesellschaften immer häufiger vor, dass das Flugzeug nicht mit Geräten berührt werden darf. Teilautonome Bodengeräte wie die von Dr. Max Losch (Losch Airport Service) entwickelte teilautonome Fahrgasttreppe helfen, diese Forderung umzusetzen.

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