Auch die Psyche leidet

Die Gesundheitsbeeinträchtigungen und die wirtschaftlichen Risiken der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus sind offensichtlich. Doch die derzeitige Ausnahmesituation birgt auch Gefahren für die Psyche.

Dr. Fritzi Wiessmann, Arbeitspsychologin bei der BG Verkehr, gibt Tipps zum Umgang mit psychischen Belastungen.

In Zeiten von Corona bekommen Sie viele Informationen über medizinische Maßnahmen, die helfen sollen, die Ansteckungs- und Verbreitungsgefahr der Coronaviren zu verringern, zu vermeiden oder gar zu verhindern. Doch auch die Psyche muss sich mit Corona auseinandersetzen, was vielen noch gar nicht so richtig bewusst ist: Plötzlich auftretende Befindensbeeinträchtigungen, die man sich nicht erklären kann, könnten mit Corona zusammenhängen. Es macht deshalb Sinn, sich auch mit den psychischen Folgen von Corona auseinanderzusetzen.

Situationen, die unberechenbar sind, die plötzlich über uns hereinbrechen, denen wir nicht entkommen können und die Leib und Leben, unser Sicherheitsempfinden oder unsere persönliche Unversehrtheit bedrohen, können traumatisieren (Trauma = seelische Verletzung). Corona ist eine kollektive Traumatisierung.

Gefühle der Verunsicherung, der Unwirklichkeit, der Ohnmacht und Hilflosigkeit können einhergehen mit Angst, Panik, Trauer, Verzweiflung oder Wut, Ärger, Aggression. Besonders schlimm ist der Kontrollverlust, also das Gefühl, keinerlei Einfluss auf eine Situation nehmen zu können. Das widerspricht einem menschlichen Grundbedürfnis. Selbst nach einem Tsunami können Aufräumarbeiten begonnen werden, aber einem unsichtbaren Feind kann man nicht Paroli bieten. Wir können immer nur reagieren und verlieren uns im Glauben an Mundschutz, Händewaschen, physischer Distanz und sozialer Isolation, um die Krise zu bewältigen.

Doch was kann man tun, um die Coronakrise psychisch bestmöglich zu bestehen? Hier ein paar Tipps:

  • Achten Sie auf Ihre Gefühlslage. Nehmen Sie wahr, wenn sich Empfindungen wie Angst, Panik, Trauer, Verzweiflung, Wut, Ärger, Aggression steigern. Steuern Sie mit eigenen Kräften dagegen oder tauschen Sie sich mit anderen darüber aus.
  • Finden Sie den richtigen Spagat zwischen Abstand und Nähe. Halten Sie Kontakt mit Freunden, Kollegen via Skype, E-Mail, Telefon. Dies gilt insbesondere dann, wenn Sie alleine wohnen.
  • Wenn Sie im Homeoffice arbeiten, bleiben Sie im telefonischen oder E-Mail-Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen und Ihrem Vorgesetzten.
  • Strukturieren Sie Ihren Tag. Nach dem Homeoffice sollten Sie Dinge tun, die Ihnen auch sonst in stressigen Situationen helfen: Hören Sie Musik, lesen Sie ein Buch, kochen Sie, spielen Sie Mensch-ärgere-Dich-nicht, machen Sie sich einen gemütlichen Abend. Oder tun Sie mal ganz neue Dinge: Aktivitäten, die ebenso außergewöhnlich sind wie die neuartige Situation. Lernen Sie eine neue Sprache, beginnen Sie Yoga, vertiefen Sie sich zusammen mit ihren Kindern in die lineare Algebra, fangen Sie mit Ihrer Steuererklärung mal im März an oder, oder, oder ...
  • Vermeiden Sie Aktionen und Aktivitäten, die ihrerseits wieder Stress erzeugen. Grundsatzgespräche sind prinzipiell gut, können aber in stressigen Zeiten eine ungewollte Dynamik entwickeln. Schauen Sie sich auch nicht stündlich die Nachrichten an. Machen Sie lieber: siehe oben.
  • Lassen Sie familiäre Konflikte nicht eskalieren. Konflikte können entstehen, wenn man zur Nähe auf begrenztem Raum ohne Ausweichmöglichkeiten gezwungen ist. Suchen Sie sich für eine gewisse Zeit einen Rückzugsort, und wenn es das Bad ist. Vereinbaren Sie mit Ihren Mitwohnenden Zeiten, in denen alle zusammenkommen, und Zeiten, in denen jeder für sich ist.
  • Nicht zuletzt: Sehen Sie trotz allem positiv in die Zukunft. Negatives Denken bringt Ihnen nichts. Also können Sie es auch lassen.

Ich wünsche uns allen, dass wir die Coronakrise physisch und psychisch gut überstehen. Denken Sie daran: Auch diese Pandemie endet!

 

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