Gesund fahren, gesund leben
In Deutschland und anderen europäischen Ländern liegt das Durchschnittsalter des Lkw-Fahrpersonals mittlerweile deutlich über 50 Jahre. Gleichzeitig sind gerade im Fernverkehr die Arbeitsbedingungen unverändert schwierig. Was also tun, um die Fahrerinnen und Fahrer, die Europas Verbraucher und Unternehmen täglich beliefern, gesund und fit zu halten? Dieser Frage gingen 140 Teilnehmende aus 16 Ländern während eines gemeinsamen Symposiums der IVSS Sektion für Prävention im Transportwesen und der BG Verkehr in Hamburg nach. Unter den Teilnehmenden waren Vertreter und Vertreterinnen aus Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften und anderen Organisationen. Die PS-Profis Jörg B. Walenzik (August Alborn GmbH & Co. KG, und Christina Scheib (Christina Scheib Transporte) brachten die Perspektiven der Berufskraftfahrenden in das Symposium ein.
„Die Gesundheit von Fahrerinnen und Fahrern ist kein weiches und zusätzliches Thema. Sie ist eine Voraussetzung für einen reibungsfreien und sicheren Güterkraftverkehr“, stellte Wolfgang Laske, Mitglied der Geschäftsführung der BG Verkehr, klar. „Auf den Fahrern und den Unternehmen lastet großer Druck. Wir müssen sicherstellen, dass die Gesundheit der Beschäftigten nicht hintenansteht“, ergänzte Janne Reini, scheidender Präsident der IVSS-Sektion.
Dass es Gründe zur Besorgnis gibt, zeigt ein Blick in die Statistik. Der griechische Arbeitswissenschaftler Yorghos Apostolopoulos zitierte aus der European Working Conditions Survey 2024. Für diese Studie wurden 1.740 Fahrer und Fahrerinnen von Lkw befragt. 47,5 Prozent der Befragten klagen über Belastung durch Wochenendarbeit, 17,1 Prozent über Nachtarbeit, 22,8 Prozent sehen sich psychischen Belastungen ausgesetzt, 10,8 Prozent haben Angst um ihren Arbeitsplatz und 9,4 Prozent beklagen sich über zu lange Arbeitszeiten.
Umfrage: Nur 24 Prozent fahren beschwerdefrei
Typische Beschwerden sind Erschöpfung, Schlafstörungen, Erkrankungen des Muskel- und Skelettapparates sowie psychische Erkrankungen. Nur 24 Prozent des Fahrpersonals, so der Wissenschaftler, haben keine dieser Beschwerden. 12,5 Prozent leiden sogar an drei oder mehr Krankheiten. Ein Alarmzeichen: 14,4 Prozent der befragten Fahrerinnen und Fahrer gaben an, in den nächsten 12 Monaten den Fahrberuf aufgeben zu wollen. Apostolopoulos‘ Warnung: Außer dem zwangsläufig altersbedingten Ausscheiden könnten weitere Fahrer und Fahrerinnen ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hängen, so dass sich der Fahrermangel noch verschärft.
Highlights aus den einzelnen Themenbereichen der Veranstaltung
Gesundheit: Warnung vor Sekundenschlaf
In der offiziellen Unfallstatistik spielt der gefürchtete Sekundenschlaf eine untergeordnete Rolle. Da aber kaum jemand zugibt, während der Fahrt eingeschlafen zu sein, befürchten Fachleute eine hohe Dunkelziffer. Einer aktuellen Umfrage der europäischen Transportgewerkschaft ETF zufolge gaben 30 Prozent der Lkw-Fahrer und -Fahrerinnen zu, in den vergangenen 12 Monaten mindestens einmal am Steuer eingeschlafen zu sein.
Dahinter steckt oft mehr als Schlafprobleme oder ein gestörter Tag-Nacht- Rhythmus: Ursache kann das obstruktive Schlafapnoesyndrom (OSAS) sein. „Das ist eine sehr ernst zu nehmende schlafbezogene Atemstörung“, erklärte Dr. Bernd Mützel, Leiter des Bereichs Arbeitsmedizin/Verkehrsmedizin/ Arbeitspsychologie der BG Verkehr. Symptome seien ausgeprägte Tagesschläfrigkeit, Erschöpfung, eingeschränkte Leistungsfähigkeit am Tage sowie morgendliche Kopfschmerzen. Mützels dringender Rat: Unbedingt ärztlich abklären lassen, OSAS ist behandelbar.
Unterwegsversorgung: Ärztliche Hilfe jetzt auch per App
Bei Einsätzen im EU-Ausland ist die Lage für in Deutschland sozialversicherte Fahrerinnen und Fahrer aufgrund der EU-Verordnung VO (EG) 883/04 klar. Sie haben Anspruch auf medizinische Sachleistungen im EU-Ausland. Lkw-Fahrende müssen bei Auslandsfahrten neben einer gültigen Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC, befindet sich auf der Rückseite der nationalen Versichertenkarte) eine A1-Bescheinigung mitführen. Bei einmaliger Entsendung stellt diese ebenfalls die Krankenkasse aus. Ist der Fahrer oder die Fahrerin regelmäßig in mehreren anderen EU-Staaten unterwegs, übernimmt das die DVKA, eine Abteilung des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen. Fehlt die A1-Bescheinigung, kann das im Fall einer Kontrolle teuer werden. Besonders in Belgien und Frankreich werde in dieser Hinsicht sehr genau kontrolliert, warnte Stefanie Klein, von der Deutschen Verbindungsstelle Unfallversicherung Ausland.
Viele Fahrer und Fahrerinnen haben Probleme bei der Arztsuche unterwegs. In solchen Fällen hilft seit vielen Jahren der Verein DocStop (www.docstop.eu). DocStop ist 24/7 telefonisch erreichbar und verfügt in fünf Ländern über ein Netz von Arztpraxen, die sich bereit erklärt haben, Fahrerinnen und Fahrer ohne lange Wartezeiten zu behandeln. Auch um den Parkplatz und die Fahrt zur Praxis kümmert sich DocStop, wie der Vorsitzende Joachim Fehrenkötter zeigte.
Neuerdings arbeitet der spendenfinanzierte Service auch mit der Teledoc-App zusammen. Hierdurch können Mediziner und Medizinerinnen mit einem Videogespräch konsultiert werden. Auch in anderen Ländern gibt es Gesundheitsangebote per App. Amelia Cantarero Garcia stellte die spanische Cristóbal-App vor. Diese verbindet nicht nur das Fahrpersonal mit medizinischen Einrichtungen, sondern hat den Fokus auf verschiedenste Gesundheitsangebote ausgeweitet. Ernährungsberatung, Stressbewältigung, Fitness und viele weitere Angebote lassen sich über die App aufrufen – übrigens in 16 Sprachen, darunter auch Deutsch.
Ernährung: Gesund geht anders
Die Schwertransport-Unternehmerin und studierte Ökotrophologin Uta Alborn bringt die Ernährungsgewohnheiten des Fahrpersonals auf den Punkt. „Zu viel Fett, zu viele Kohlenhydrate. Zu wenig Salat, Gemüse und somit Vitamine“, lautet ihr Fazit. Nicht immer ist das den Fahrern und Fahrerinnen bewusst: Bei Alborn bekommt alle neuen Fahrer und Fahrerinnen einen Gesundheitsleitfaden in die Hand, der neben Ernährungstipps auch Ratschläge zu Bewegung, Stressabbau und Suchtverhalten beinhaltet.
Alborn rät dazu, gesundes Essen mit auf die Tour zu nehmen, anstatt sich jeden Abend die Currywurst oder das panierte Schnitzel mit Pommes einzuverleiben. Dass die Unterwegsversorgung mit frischen Lebensmitteln schwierig ist, weiß die Unternehmerin. In Rasthöfen und Tankstellenshops ist das Angebot schmal und teuer; normale Supermärkte sind mit dem Lkw schwer anfahrbar. Und selbst wenn es anders wäre: Viele Fahrer und Fahrerinnen schwören auf derbe Kost nach einem harten Tag und schieben gesundheitliche Aspekte beiseite.
Hygiene: Kommt eine Revolution am Fahrerarbeitsplatz?
Defekte oder verschmutzte Toiletten auf Park- und Rastplätzen, kein Zugang zu Sanitäreinrichtungen an Ladestellen, fehlende Waschmöglichkeiten und keine Versorgung mit Frischwasser. Kaum ein anderes Thema wird so kritisch gesehen, wie die Hygiene unterwegs. Zahlreiche Autohöfe und Raststätten bieten vernünftige Alternativen an, aber aus Platz- oder Kostengründen kommen nicht alle Fahrenden in diesen Genuss.
In der Diskussion ist eine Aufwertung des Fahrerhauses: „Sobald man mit dem Lkw mehrere Tage unterwegs ist, wird nicht nur ein Bett als Schlafgelegenheit erforderlich, sondern aus hygienischen Gründen auch sanitäre Einrichtungen wie ein WC, Waschbecken sowie eine Standklimaanlage“, sagte Stefan Weigand, Transportunternehmer und Vorsitzender des BGL Niedersachsen. Das Fahrerhaus müsse bei mehrtägigen Fernverkehrsfahrten mehr Raum für „Arbeiten und Wohnen“ bieten. Voraussetzung dafür sei, dass die EU die zulässigen Gesamtlängen so anpasst, dass eine Modifizierung des Fahrerhauses möglich wird. Der Verband hat dazu Lösungsansätze entwickelt, die er im Juli auf dem Truck Grand Prix auf dem Nürburgring vorstellen will.
Auch die Lkw-Hersteller machen sich Gedanken über das Fahrerwohl: Lena Kliewer von MAN Bus & Truck und Berufskraftfahrerin Christina Scheib, berichteten über ein Projekt, mit dem MAN die Bedürfnisse von Fernfahrerinnen beleuchtete. Einige Ergebnisse: Bestimmte Beschwerden wie Nackenschmerzen, Schlafstörungen und Diabetes treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Bei Vorsorge, Sport und Ernährung gibt es keine geschlechterspezifischen Unterschiede, wohl aber bei der Hygiene. Sauberkeit am Arbeitsplatz und hygienische Sanitäranlagen sind Frauen besonders wichtig.
39 Prozent der Fahrerinnen berichten von sexueller Belästigung unterwegs. Kein Wunder also, dass Frauen mehr Augenmerk auf Sicherheitsfeatures wie den „Panikalarm“ von MAN haben. Ansonsten sind sehr viele Anforderungen von Männern und Frauen an das Fahrerhaus gleich. Beide Geschlechter wünschen sich Verbesserungen bei der hygienebezogenen Ausstattung im und am Lkw, insbesondere bei Toilette, Dusche und Wasserversorgung.
Prekäres Parken
Etwas an der prekären Parksituation in Europa tun, möchte die ESPORG tun, ein Netzwerk von 220 Sicherheitsparkplätzen in 22 europäischen Staaten. Angesichts der wachsenden Zahl von Überfällen auf Lkw und Ladungsdiebstählen liegt der Fokus auf Sicherheit. Saubere sanitäre Anlagen, WiFi, Zugang zu Getränken und Lebensmitteln gehören zum Standard, wie Druselia Betea (European Wellbeing Initiative) und Dirk Penasse (Esporg) berichteten. Zum Preis von 25 EUR pro Nacht lassen sich die Parkplätze vorab buchen. Viel Geld für das margenschwache Transportgewerbe. „Wenn ihre Fahrer bis zu einer Stunde nach einem freien Parkplatz suchen, kostet das 80 bis 100 EUR“, kontert Penasse entsprechende Bedenken.
Fazit: Um die Gesundheit der Fahrerinnen und Fahrer zu schützen, sind Verbesserungen bei Unterwegsversorgung, Rastmöglichkeiten, Gesundheit, Hygiene und am Fahrerarbeitsplatz notwendig. Das kommt auch der Verkehrssicherheit zugute. „Nur ein gesunder Fahrer ist ein sicherer Fahrer“, bringt es Unternehmer Joachim Fehrenkötter auf den Punkt.
Über die BG Verkehr
Die BG Verkehr ist die gesetzliche Unfallversicherung für die Verkehrswirtschaft, Post-Logistik und Telekommunikation. Bei ihr sind mehr als 1,7 Millionen Menschen versichert. Sie berät in rund 200.000 Mitgliedsunternehmen zur Prävention und sorgt nach Arbeitsunfällen und bei Berufskrankheiten für die Behandlung, Rehabilitation und Entschädigung ihrer Versicherten.
Über die IVSS Sektion für Prävention im Transportwesen
Die IVSS Sektion für Prävention im Transportwesen fördert mit ihrem internationalen Netzwerk den
länderübergreifenden Austausch und die Entwicklung von Präventionsstandards im Transportgewerbe, um
Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden bei der Arbeit im Personen- und Gütertransport nachhaltig zu verbessern. Sie wurde im Jahr 2014 gegründet. Das Generalsekretariat ist bei der BG Verkehr in Hamburg angesiedelt. IVSS steht für Internationale Vereinigung für soziale Sicherheit.
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