"Rückwärtsfahren bei der Abfallsammlung"

Branchenkonferenz Entsorgung am 23. Juni 2016 in Hamburg

Rückwärtsfahrender Abfallsammelfahrzeug mit Einweiser
© BG Verkehr

Das Rückwärtsfahren von Lastkraftwagen ist so unfallträchtig, dass Entsorgungsunternehmen bei der Abfallsammlung nur Vorwärtsfahrten einplanen sollen. Können technische Schutz- und Assistenzsysteme das trotz aller Planungsinstrumente nicht immer vermeidbare Rückwärtsfahren weniger gefährlich für Beschäftigte und Passanten machen?

Die Veranstaltung diente einer gemeinsamen Standortbestimmung zu Gefährdung und Unfallgeschehen. Die Teilnehmer zeigten Lösungen zur Unfallvermeidung auf und bewerteten vorhandene und mögliche zukünftige technische Möglichkeiten wie Fahrerassistenzsysteme.

Teilnehmer: Über 100 Vertreter/innen von Verbänden, Entsorgungsunternehmen, Herstellern, Forschungseinrichtungen, Kommunen, Behörden und Unfallversicherungsträgern

Programm Branchenkonferenz "Rückwärtsfahren bei der Abfallsammlung"

Teil 1: Sichtweisen

Worin besteht das Problem? Wie ist die Rechtslage? Wie sind die Praxiserfahrungen von Unfallkassen, Entsorgungsunternehmen und Beschäftigten?

Unfallversicherer in der DACH-Region

Dr. Felten (BG Verkehr) berichtete in seiner Übersicht zum Unfallgeschehen, dass jährlich ca. drei Personen von Abfallsammelfahrzeugen bei der Rückwärtsfahrt getötet werden. Das Augenmerk der Straßenverkehrsordnung und der Unfallverhütungsvorschriften liegt daher schon lange auf der Vermeidung von Rückwärtsfahrten. Trotz moderner Assistenzsysteme gilt dies bis heute als primäre Schutzmaßnahme.
Herr Füting, Leiter des Sachgebiets Abfallwirtschaft der DGUV, erläuterte die Sicht der Verordnungsgeber auf Rückwärtsfahrt, Einweiser und technische Lösungen: Nach der Vermeidung der Rückwärtsfahrt ist die Absicherung durch Einweiser die zweitwichtigste Unfallvermeidungsmaßnahme.
Die Beiträge von Herrn Schwaighofer (AUVA) und Herrn Haberstich (SUVA) machten deutlich, dass in der Schweiz und Österreich mit den gleichen Problemen gekämpft wird, auch die Lösungsansätze gleichen sich.

Entsorgungsunternehmen

Herr Dornbusch vom INFA-Institut stellte die Ergebnisse einer Studie der Entsorgungsverbände vor. Die Befragten hielten weniger von detaillierten Sackgassen-Katastern als Maßnahme des Unfallschutzes. Sie sehen bei automatisierten Systemen deutliche Vorteile gegenüber dem menschlichen Einweiser.
Auch Vertreter von Entsorgungsunternehmen berichteten aus ihrer Praxis. Herr Müller (Suez) stellte ein Paket von erprobten Maßnahmen vor, wie die Geschwindigkeitsdrosselung der Rückwärtsfahrt auf 9 km/h, Tests von Fahrerassistenzsystemen und die Kampagne "Beifahrer = Copilot", die auf die Erhöhung der Sicherheit durch einen mitverantwortlichen Beifahrer zielt. Herr Bauer (AWM) betonte, dass die Arbeitssicherheit bei der Personalauswahl beginnt. Weiter berichtete er, mit welcher Technik die Münchner Abfallsammelfahrzeuge ausgestattet sind, und welche Systeme er für die Zukunft sieht, vor allem im Bereich Sensorik und Autonomisierung.

Arbeitnehmer

Für ver.di schilderten Frau Büttner-Hoppe und Herr Walter (Lkw-Fahrer) eindrücklich, welche Schwierigkeiten die Beteiligten trotz moderner Möglichkeiten mit dem sicheren Lenken des Fahrzeugs in Wohngebieten haben. Herr Kowalcyk, Fahrlehrer bei der Münchner AWM beschrieb das intensive interne Schulungsprogramm, das Fahrer und Lader durchlaufen müssen, ehe sie Sammeltouren durchführen dürfen. Insbesondere praktische Übungen spielten eine große Rolle.

Publikum auf der Branchenkonferenz „Rückwärtsfahren bei der Abfallsammlung“ im großen Sitzungssaal der Hauptverwaltung in Hamburg
@ BG Verkehr

Teil 2: Lösungsansätze und Stand der Technik

Welche technischen und organisatorischen Lösungen gibt es aktuell? Wie geeignet sind sie, die Sicherheit bei der Abfallsammlung zu erhöhen?

Städtebauliche Veränderungen

Herr Helmich (MEG) beschrieb mit Herrn Wiegand (BG Verkehr) die anfänglich schwierige, letztlich aber erfolgreiche Ertüchtigung eines Wohnquartiers in Mülheim/Ruhr für die sichere Abfallsammelfahrt. Der ungewöhnliche Ansatz, bei einem fertigen Wohngebiet in die Straßengestaltung einzugreifen, stellte sich als zielführend heraus, auch weil alle Beteiligten an den Lösungen mitarbeiteten. Für jeden Einzelfall wurden bei Ortsbesichtigungen gemeinsam mit der BG praktikable Lösungen erarbeitet, z.B.

  •  Austausch fester gegen herausnehmbare Absperrpfosten
  • schriftliches Informieren der Anwohner über Parkverbote in Wendebereichen an Leerungstagen
  • Markierungen im Straßenbereich durch das Amt für Verkehrswesen
  • Erlaubnis zum Wenden auf privaten Grundstücksflächen
  • Einrichtung von Abholplätzen innerhalb der 150-m-Grenze

Herr Minners von der Karl Meyer Akademie berichtete ebenfalls über die Erfolge von Runden Tischen, an denen mit allen Betroffenen bauliche Lösungen für Problemstellen gefunden wurden.

Technische Lösungen am Fahrzeug

Herr Sandkühler (Faun) stellte ein neuartiges Sicherheitskonzept vor, bei dem der Lader vom Trittbrett aus das rückwärtsfahrende Fahrzeug anhalten kann. Das System befindet sich noch in der Erprobungsphase. Herr Renneberg (aha) stellt den bei der Hannoverschen Stadtreinigung erfolgreich eingesetzten Tailguard vor, der das Fahrzeug bei gefährlicher Annäherung stoppt. Diese Entwicklung steht stellvertretend für weitere Produkte am Markt.
Herr Koppenborg vom IFA ging auf die ergonomischen Aspekte von Kamera-Monitor-Systemen ein: Um alle Kamerabilder und Spiegel abzufragen, muss der Fahrer den Blick sehr häufig in unterschiedliche Richtungen lenken. Der Fokus sollte besser auf einem einzigen Monitor liegen.
In den abschließenden Beiträgen wurde der Weg von den aktuell am Markt erhältlichen Assistenzsystemen zum verlässlichen Sicherheitssystem skizziert. Erforderlich sei hierzu unter anderem eine Definition der unerlässlichen Merkmale und die Entwicklung eines Prüfgrundsatzes.

Fazit

  • Die Branchenkonferenz hat aufgezeigt, dass Fahrerassistenzsysteme bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Situation beitragen, aber noch kein vollwertiger Ersatz für den Einweiser sind.
  • Die BG Verkehr regte Unternehmen, Hersteller und Verbände an, in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe einen Anforderungskatalog für die Prüfung und Zertifizierung von technischen Rückfahrassistenten zu erarbeiten. Vorgesehen ist die Erstellung eines spezifischen Prüfgrundsatzes für Rückfahrassistenzsysteme an Abfallsammelfahrzeugen, die den Fahrer aktiv unterstützen.
  • Die vielfältigen Beispiele aus der Praxis zeigten, wie Änderungen auch im Bereich der Organisation erfolgreich eingeleitet werden können.
  • Die Konferenz brachte mehr Klarheit in die Debatte und unterstützt damit den Entstehungsprozess der neuen Branchenregel "Abfallsammlung" bei der DGVU, die im Herbst 2016 erscheinen soll.

Teilnehmer auf der Branchenkonferenz „Rückwärtsfahren bei der Abfallsammlung“ in Hamburg
@ BG Verkehr

Nachhaltige Erfolge

Stand Mai 2018

  • BG Verkehr und IFA stimmen derzeit einen Entwurf für einen Anforderungskatalog (Prüfgrundsatz) für Fahrerassistenzsysteme zur Rückwärtsfahrt ab, der voraussichtlich im Verlauf des Jahres 2018 Herstellern zur Stellungnahme und Kommentierung bekannt gemacht werden soll.
  • Die 2016 in der Branche sehr skeptisch betrachtete Pflicht zur Bewertung von Rückwärtsfahrstellen durch den Unternehmer ist mittlerweile flächendeckend akzeptiert und vielfach umgesetzt.

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