Be- und Entladen – Gefährdungen und Lösungen

Branchenkonferenz Güterkraftverkehr am 17. Oktober 2018 in Hamburg

Lkw auf Betriebshof
Foto: iStock.com/sykono

Die meisten tödlichen Unfälle bei den Versicherten der BG Verkehr ereignen sich im Straßenverkehr. Doch zur Arbeit von Fahrerinnen und Fahrern im Güterkraftverkehr gehören auch die – ebenfalls unfallträchtigen – vor- und nachgelagerten Tätigkeiten, wie das Be- und Entladen, die Ladungssicherung oder das Rangieren und Kuppeln. Insbesondere das Be- und Entladen auf den oft fremden Betriebshöfen und an Rampen sind gefährliche Nebentätigkeiten beim Transportieren von Gütern.

Was sind die Gründe hierfür? Der Umgang mit fremden Arbeitsmitteln, für die Kenntnisse fehlen, weil die Ausbildung oder zumindest die Einweisung unzureichend ist? Sind es Hektik und Zeitdruck, weil die nächste Entladestelle wartet und die Verkehrsdichte auf der Straße die Planung oft unmöglich machen? Liegen die Ursachen in der Kommunikation, in unzureichenden Absprachen? Oder ist es ein unangebrachter persönlicher Umgang zwischen Fahr- und Rampenpersonal? Auch der unzureichende Zugang und Zustand von Aufenthaltsräumen und sanitären Einrichtungen stehen in der Diskussion. Kann es sein, dass unter diesen Umständen der gegenseitige Respekt und die persönliche Wertschätzung leidet und dies Auswirkungen auf die Arbeitssicherheit hat?

Teilnehmer: über 100 Vertreterinnen und Vertretern aus der Logistikbranche, von Herstellern, Verbänden, Behörden, Beratungs- und Ausbildungsinstituten.

Flyer zur Branchenkonferenz Güterkraftverkehr 2018

Publikum auf der Branchenkonferenz "Be- und Entladen - Gefährdungen und Lösungen"
©BG Verkehr

Rahmenbedingungen, Unfallschwerpunkte, Ansätze

Die Vorträge der Konferenz beschäftigten sich mit den Rahmenbedingungen und möglichen Gründen für Unfälle und den Belastungen der Fahrerinnen und Fahrer. Je nach Perspektive werden diese unterschiedlich eingeschätzt. So gibt es zum Beispiel eine Diskrepanz zwischen Fahrerinnen und Fahrern sowie Verladern, wenn es um Themen wie Wartezeit oder Verantwortung für die Durchführung der Be- und Entladung geht. Über die Hälfte des Fahrpersonals muss selbst entladen, bei einem Drittel bis zur Hälfte wissen dies die Fahrerinnen und Fahrer allerdings vorher nicht. Die Wartezeiten an den Ladestellen sind oft lang und führen zu Missmut. Zulaufsteuerungssysteme können helfen, die Wartezeiten zu managen, und werden deshalb überwiegend positiv bewertet. Aber bei Staus und hohem Verkehrsaufkommen oder Verzögerungen an anderen Ladestellen können vorgegebene Zeitfenster zu Stress beim Fahrpersonal führen. Stress wiederum führt zu Fehlern und Fehler zu Unfällen.

Be- und Entladen

Gründe für die zahlreichen Unfälle beim Be- und Entladen sind, dass die Arbeiten in enger räumlicher Nähe ausgeführt werden oder das Fahrpersonal ohne ausreichende Einweisung Flurförderzeuge des Lade- oder Entladebetriebes nutzt. Unfälle mit Gabelstaplern gehören zu den häufigsten und zum Teil auch schweren Unfällen. Häufig werden Menschen angefahren oder von abstürzender Ladung getroffen. Sorgt man dafür, dass das Fahrpersonal sich außerhalb des Gefahrenbereichs aufhält, verhindert man solche Unfälle. In Situationen, wo die Fahrer die Beladung überwachen oder während des Beladens schon Vorbereitungen für die Ladungssicherung ergreifen, ist Abstimmung besonders wichtig.

Stürzen und Abstürzen

Betrachtet man die Unfallzahlen der Lkw-Fahrer bei beim Be- und Entladen auf dem Betriebshof, fällt auf, dass Stürze und Abstürze die dominierende Ursache für zum Teil schwere Unfälle sind. Bei Arbeiten auf der Ladefläche werden die Verletzungen zu gut 50% durch einen Sturz auf der Ladefläche oder durch den Sturz vom Auflieger oder dem Anhänger verursacht.

Der zweithäufigste Unfallort – bei ca. einem Viertel – ist der Aufstieg ins Führerhaus oder auf die Ladefläche. Die Hälfte dieser Unfälle resultiert aus dem Abrutschen von Tritten und Stufen, teilweise durch bewusstes Heraus- und Hinunterspringen.
Wichtig für die Prävention ist es daher, sichere Aufstiege und Aufbauteile zu beschaffen und regelmäßig zu prüfen. Sicheres Verhalten muss durch wiederkehrende Unterweisung, Führung und Kontrolle herausgebildet werden.

Kuppeln und Wegrollen

Kuppelunfälle sind zwar relativ selten, oft aber schwer. Eine große Gefahr beim Kuppeln ist das Wegrollen des Fahrzeugs. Häufigste Ursache ist das Nichtbetätigen der Feststellbremse, bzw. das Nichteinhalten der richtigen Reihenfolge beim Anschließen der Versorgungsleitungen. Halten sich Menschen im Gefahrenbereich vor bzw. hinter dem Fahrzeug auf, können sie vom Fahrzeug überrollt werden. Darüber hinaus tragen Stresssituationen durch Zeitdruck oder mangelnde Praxis zu Unfällen bei.

Deshalb sollten zum einen Fahrerinnen und Fahrer noch besser geschult, zum anderen aber auch technische Lösungen weiterentwickelt werden. Eine Forderung ist die Entwicklung und der serienmäßige Einbau von sich selbsttätig einlegenden Feststellbremsen in Neufahrzeuge.

Publikumsfrage
© BG Verkehr

Zivilrechtliche Verantwortlichkeiten

Mehrere Beiträge machten deutlich, dass vielen Beteiligten die rechtliche Verantwortung nicht klar ist. Ist keine andere vertragliche Regelung getroffen, ist das Be- und Entladen Aufgabe des Verladers, während die Bereitstellung eines betriebssicheren Fahrzeugs in den Verantwortungsbereich des Fuhrunternehmens gehört. Vertragliche Abweichungen sind möglich, sollten aber eindeutig an das Fahrpersonal kommuniziert werden, damit es genau weiß, wofür es zuständig ist und was es ablehnen darf oder muss, weil es nicht eingewiesen ist.

Wertschätzung

Wertschätzung ist eine weitere Voraussetzung, um gesund arbeiten zu können. Sie zeigt sich in einem freundlichen Umgang auf Augenhöhe. Fahrerinnen und Fahrer sind dankbar für Informationen, wie lange sie auf die Abfertigung warten müssen, weil sie die Wartezeit dann sinnvoll nutzen können, Sie freuen sich, wenn die Parkplätze nicht nur kurz vor dem Entladen genutzt werden können, sondern schon bei der Ankunft. Das erspart Ihnen die mühselige Parkplatzsuche mit einem 40-Tonner. Außerdem sollte es selbstverständlich sein, dass sie die Sanitär- und ggf. die Sozialräume nutzen können.

Podiumsdiskussion auf der Branchenkonferenz "Be- und Entladen - Gefährdungen und Lösungen"
© BG Verkehr

Fazit:

Die Schlussrunde brachte es auf den Punkt: Der Mensch darf nicht auf der Strecke bleiben, denn ohne Fahrerinnen und Fahrer geht es nicht. Einig war man sich über mögliche Lösungsvorschläge:

  • klare und deutliche Abstimmungen: genaue Definition der Prozesse, ggf. deren Vereinheitlichung und eine genaue Definition der Zuständigkeiten hinsichtlich Be- und Entladen
  • Regelungen, die Fahrverkehr und Aufenthaltsmöglichkeiten für das Fahrpersonal trennen, also ein Ausstieg aus dem Fahrzeug nicht mehr nötig machen
  • wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe, wenn notwendig auch in Landessprache oder zusätzlich mit Hilfe von Piktogrammen, inklusive Einweisung in fremde Arbeitsmittel
  • Möglichkeit zur Nutzung von Sanitär- und ggf. auch Sozialräumen
  • bessere Information über Lade-/Entladezeit und Ladegut
  • Einrichtung von Pufferparklätzen bzw. Öffnung der Parkplätze an den Be-und Entladestellen für wartende Fahrerinnen und Fahrer

Maßnahmen

Nächste Schritte, damit die Einigkeit auch in die Praxis umgesetzt werden kann:

  • zusammen mit anderen Unfallversicherungsträgern gemeinsame Verpflichtungen aufstellen und definieren, zu denen sich Unternehmen (Ver-/Entlader und Fuhrunternehmen) im Sinne einer Selbstverpflichtung einigen können
  • die Kampagne kommmitmensch nutzen, um diese Abstimmung zu erreichen und wertschätzend im Alltag umzusetzen
  • Fortführen der bisherigen Arbeit, um Unfälle zu vermeiden:
    • Unfälle weiter gezielt untersuchen
    • Medien zur Verfügung stellen, die die Unternehmen bei der Unterweisung und Einweisung unterstützen
    • Hersteller beraten, um technische Maßnahmen zur Unfallvermeidung weiterzuentwickeln

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