Flugzeuge sicher abfertigen – Zusammenarbeit und gemeinsame Nutzung von Arbeitsmitteln

Branchenkonferenz Luftfahrt am 30. Mai 2017 in Hamburg

Abfertigung am Flughafen
© Flughafen Hamburg / BG Verkehr

An der Abfertigung von Verkehrsflugzeugen sind meist mehrere Unternehmen gleichzeitig mit eng miteinander verzahnten Arbeitsprozessen beteiligt. Sensible technische und organisatorische Schnittstellen entstehen besonders dort, wo Arbeitsmittel an das Luftfahrzeug herangefahren oder z.B. durch Versorgungsleitungen mit diesem verbunden werden.
In Plenumsvorträgen und Workshops setzten sich die Teilnehmer intensiv mit der Frage auseinander, wie die Zusammenarbeit von Fluggesellschaften und Bodendiensten verbessert werden kann, um die Sicherheit und Gesundheit der beteiligten Beschäftigten zu gewährleisten, Sachschäden zu verhindern und die Prozesse wirtschaftlich zu gestalten.

Teilnehmer:

  • Vertreter von Luftfahrtunternehmen, Flughäfen und Abfertigungsunternehmen sowie von Herstellern von Luftfahrtbodengeräten und Luftfahrzeugen
  • Experten von Aufsichtsbehörden und Verbänden

Plenumsvorträge

In sechs Impulsvorträgen wurden die Anforderungen an sichere Arbeitsprozesse und Arbeitsmittel aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet: aus der Warte des Flughafenbetreibers, der Personalvertretung, der gesetzlichen Unfallversicherung, der betrieblichen Arbeitsschutzexperten und der Arbeitsschutzvorschriften.

Schwerpunkte:

  • die kritische Arbeitssituation von Lademannschaften in Laderäumen von Verkehrsflugzeugen
  • beispielhafte Vorgehensweisen zur Abstimmung der Gefährdungsbeurteilung zwischen Fluggesellschaft, Verkehrsflughäfen und Abfertigern
  • Handlungskonzept zum Gewitterschutz am Flughafen als Positivbeispiel

Workshops

Workshop 1: Das richtige Gerät auswählen – Wie beeinflussen sich Arbeitsprozesse und technische Anforderungen an Geräte?

Workshop 1: Das richtige Gerät auswählen – Wie beeinflussen sich Arbeitsprozesse und technische Anforderungen an Geräte?
Branchenkonferenz Luftfahrt - Das richtige Gerät auswählen

Je spezifischer die Abfertigungsprozesse, desto umfassender sind die konstruktiven Anforderungen an die eingesetzten Arbeitsmittel. So sind bei der Auswahl und Beschaffung eine Vielzahl von Gesichtspunkten zu berücksichtigen, z.B.

  • die Realisierung von Absturzsicherungen beim Übergang von Arbeitsplattformen zu Türen oder anderen Öffnungen des Luftfahrzeugs
  • erforderliche Verschiebekräfte bei manueller Lastenhandhabung
  • sichere Verkehrswege und Zugänge
  • Lärmemission, Schadstoffbelastung und elektrische Sicherheit

Diese Anforderungen ergeben sich aus harmonisierten EU-Produktvorschriften, nationalen Rechtsvorschriften wie z.B. der Betriebssicherheitsverordnung, luftfahrtrechtlichen Bestimmungen und nicht zuletzt den Vorgaben der Fluggesellschaften.

Empfehlungen und Forderungen:

  • besondere Verantwortung ist beim Unternehmer und seinen Auftragnehmern (Einkauf, Fachkräfte Arbeitssicherheit, Arbeitsmediziner) zu sehen
  • Beschaffungsprozess sollte optimiert werden, mit positiver Auswirkung auch auf Wirtschaftlichkeit und Effizienz
  • fundiertes Lastenheft für Anforderungen an Arbeitsmittel
  • Vermittlung von Informationen und Fachkenntnissen an alle Beteiligten
  • regelmäßige kritische Beleuchtung von Arbeitsmitteln und Arbeitsabläufen, um dem Unternehmer die Anpassung an veränderte Anforderungen beim Einsatzbereich oder an den Stand der Technik zu ermöglichen

Workshop 2: Frachtraumböden, Fördertechnik, Zugänge und Co. – Wie müssen Luftfahrzeuge für Abfertigungsunternehmen sicher gestaltet werden?

Workshop 2: Frachtraumböden, Fördertechnik, Zugänge und Co. – Wie müssen Luftfahrzeuge für Abfertigungsunternehmen sicher gestaltet werden?
Branchenkonferenz Luftfahrt - sichere Gestaltung von Luftfahrzeugen für Abfertigungsunternehmen

Die Teilnehmer stellten übereinstimmend fest, dass bei der Ausgestaltung von Fracht- und Laderäumen in Luftfahrzeugen der Schutz von Sicherheit und Gesundheit der Lademannschaften nicht ausreichend berücksichtigt wird. Nahezu jedes Fracht- oder Gepäckstück, das innerhalb eines Flughafens umgeschlagen wird, muss händisch bewegt werden. Kritisch wird es z.B., wenn Lademannschaften Schwerstarbeit in Zwangshaltung ausüben, Frachtraumböden nicht sicher begangen werden können oder Fördersysteme außer Betrieb sind. Die Rahmenbedingungen lassen oft keinen Spielraum zur Gestaltung der erforderlichen Schutzmaßnahmen wie z.B innovative externe Ladetechnologien, die die Hersteller durchaus anbieten. Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung können die Defizite der Arbeitsplatzgestaltung nicht ausreichend kompensieren.

Empfehlungen und Forderungen:

  • Kontakt und fachlicher Austausch mit den Zulassungsbehörden für Luftfahrzeuge suchen, um technische Mindestanforderungen zum Schutz von Sicherheit und Gesundheit bei Ladearbeiten im Luftfahrzeug verbindlich zu machen
  • schnelle Durchsetzung behördlicher Regelungen, damit die unter starkem Wettbewerbsdruck stehenden Fluggesellschaften nicht aus Kostengründen nur minimale Standard-Konfigurationen nutzen – besonders angesichts der internationalen Prägung des Luftverkehrs und des oft Jahrzehnte dauernden Einsatzes von Luftfahrzeugen

Workshop 3: Abfertigungsprozesse gestalten – Stehen Airline und Abfertiger gemeinsam in der Pflicht?

Workshop 3: Abfertigungsprozesse gestalten – Stehen Airline und Abfertiger gemeinsam in der Pflicht?
Branchenkonferenz Luftfahrt - Abfertigungsprozesse sicher gestalten

Die Diskussionen dieses Workshops waren eindeutig durch das Schlagwort „Koordination“ geprägt. Jeder an der Abfertigung beteiligte Unternehmer ist verpflichtet, die gesetzlichen Rahmenbedingungen einzuhalten und soweit erforderlich, die Maßnahmen zum Schutz von Sicherheit und Gesundheit beim Turnaround mit allen anderen Gewerken abzustimmen. Koordinationsmaßnahmen sind insbesondere abgestimmte Gefährdungsbeurteilungen, aber auch regelmäßige Abstimmungsgespräche (airport safety committee) zwischen Vertretern der Unternehmen am Flughafen sowie ein konsequentes Hinwirken auf die Umsetzung der gemeinsam festgelegten Arbeitsprozesse.

Als Auftraggeber der beteiligten Unternehmen trägt die Fluggesellschaft eine besondere Verantwortung für die Festlegung von Abläufen, Verhaltensweisen und abgestimmten Schutzkonzepten. Sie ist vor allem verpflichtet, einen Koordinator zu bestellen, der unmittelbar auf der Abfertigungsposition die Einhaltung der Vorgaben überwacht.

Der rechtliche Rahmen ist über nationale Arbeitsschutzvorschriften gegeben, wobei sich eine Synergie mit verkehrsrechtlichen Koordinationsstandards zur störungsfreien Abfertigung ergibt. Die praktische Umsetzung dieser Vorgaben zeigt jedoch nach Auffassung der Teilnehmer häufig erhebliche Schwächen, z.B. hinsichtlich der Qualifikation und des Durchsetzungsvermögens des Koordinators sowie der umfassenden Information aller Beteiligten.

Empfehlungen und Forderungen:

  • Vorgabe über die Verkehrsregelungen der Flughafenbenutzungsordnung (FBO) jedes Flughafens
  • möglichst genaue Dokumentation der von den Beteiligten der Abfertigung einzuhaltenden Vorgaben und Schutzmaßnahmen, um rechtliche Klarheit zu schaffen, so dass auch der Koordinator sich bei der Ausübung seiner Aufgabe hierauf berufen kann
  • regelmäßige fachliche Austausche zwischen allen verantwortlichen Auftragnehmern, den Fachkräften für Arbeitssicherheit und anderen Beauftragten aus, z.B. in Form eines airport safety committee
  • Zusammenarbeit auf Augenhöhe, jenseits der üblichen Formularverträge mit standardisierten Hinweisen zu Sicherheit und Gesundheit

Weitere Informationen zu den Vorträgen und Workshops finden Sie im Flyer.

Flyer Branchenkonferenz "Flugzeuge sicher abfertigen"

Nachhaltige Erfolge

Stand Juli 2018

Als Ergebnis dieser Branchenkonferenz hat die BG Verkehr

  • die Arbeitsergebnisse aus den jeweiligen Workshops in der neuen Branchenregel "Abfertigen von Luftfahrzeugen" berücksichtigt
  • mit der zuständigen Europäischen Luftfahrtbehörde (EASA) einen Austausch zum Thema "Verantwortung bei der Frachtraumgestaltung" gestartet
  • das Sachgebiet "Luftfahrt und Flugplätze" sowie die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) thematisch eingebunden
  • die Erstellung einer Fachbereichsinformation zur Koordination bei der Abfertigung beschlossen
  • die Arbeitsergebnisse in den Arbeitskreis zur Erarbeitung der Technischen Regeln für Betriebssicherheit TRBS 1111 (Gefährdungsbeurteilung) eingebracht und speziell den Passus zur Koordination bei gemeinsamer Nutzung von Arbeitsmitteln aufgenommen

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